Ein Nachbericht zum Schmökern
Spaichingen. Um den Zustand unserer heimischen Fließgewässer fit für die Zukunft zu machen, braucht es den direkten Austausch zwischen Kommunen, Planern, Behörden und der Praxis. Ein Paradebeispiel für diesen konstruktiven Dialog bot der diesjährige Gewässernachbarschaftstag des Landkreises Tuttlingen, der am 10. Juni 2026 im Feuerwehrhaus in Spaichingen stattfand. Unter dem zentralen Thema „Naturnahe Bauweisen und Beschattung“ kamen rund 50 Teilnehmer – darunter Bauhofleiter, Vertreter von Tiefbau- und Umweltämtern sowie Naturschutzverbände – zusammen. Als Vertreter des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg (LFVBW) begleitete Simon Wachter die Veranstaltung, um die fischereilichen und gewässerökologischen Interessen einzubringen. Die Präsenz des Verbandes stieß bei den Anwesenden auf sehr positive Resonanz.
Starkregen, Klimawandel und ein tragischer Rückblick
Herr Schmidt von der hiesigen Bauamtsleitung begrüßte die Gäste herzlich und zeigte sich erfreut über die hohe Resonanz. In seiner Einführung hob er die existenzielle Bedeutung intakter Gewässer hervor, verwies jedoch gleichzeitig auf die zunehmenden Herausforderungen durch Starkregenereignisse im kommunalen Raum.
Herr Kamutzky vom Landratsamt Tuttlingen, der gemeinsam mit Frau Reichegger (Regierungspräsidium Freiburg) die Moderation leitete, lobte zwar die bisher umgesetzten Schutz- und Pflegemaßnahmen an den lokalen Gewässern, fand jedoch auch kritische Worte für ein aktuelles ökologisches Desaster: Durch den illegalen oder unsachgemäßen Eintrag von Gärresten in die Prim kam es zu einem massiven Fischsterben. Auf einer Strecke von über 1,5 Kilometern wurde der Fischbestand komplett vernichtet – ein herber Rückschlag für die Gewässerökologie und die lokalen Hegebemühungen, der die Dringlichkeit von lückenlosem Gewässerschutz unterstrich.
Fachvorträge: Von ingenieurbiologischer Bauweise bis zur Kolmation
Der Vormittag stand im Zeichen hochkarätiger Fachvorträge:
- Naturnahe Bauweisen an Fließgewässern: Frau Reichegger (RP Freiburg) referierte über moderne, biologisch ausgerichtete Bauweisen im Wasserbau. Sie zeigte auf, wie durch den gezielten Einsatz von Totholzstrukturen, Buhnen, Weidenspreitlagen oder Faschinen dauerhafter Erosionsschutz für die Infrastruktur geschaffen wird, während gleichzeitig wertvolle Lebensräume entstehen.
- Gehölze am Gewässer und Beschattung: Stefan Müller vom Landesbetrieb Gewässer (RP Freiburg) beleuchtete die Wassertemperatur als ökologischen Leitparameter. Angesichts des Klimawandels ist eine strategische Beschattung durch fachgerechte Uferbepflanzung essenziell, um einer kritischen Erwärmung des Wassers entgegenzuwirken und die Funktionsfähigkeit des Ökosystems zu sichern.
- Das unsichtbare Problem – Die Kolmation: Einen tiefen Einblick in die Gewässerökologie gab Frau Dr. Seitz von der Fachstelle Hydraulik. Sie erklärte das Phänomen der Kolmation (die Verstopfung des lückenreichen Kiesbetts durch Feinsedimente). Das Problem: Es gibt kein technisches Messgerät für die Kolmatierung. Die Begutachtung erfolgt optisch mittels Kartierung sowie durch die sogenannte Stifel- oder Stocherprobe. Eine Sedimententnahme zur Analyse sollte dabei möglichst ohne maschinellen Einsatz erfolgen, um das Substrat nicht zu verfälschen. Die Kolmation verhindert, dass Sauerstoff in den Kies gelangt – was fatal für die Brut von Kieslaichern wie den Forellen ist.
In der anschließenden Diskussionsrunde wurden praxisnahe Fragen erörtert – etwa die Vor- und Nachteile von Frühjahrspflanzungen am Ufer, die Verfügbarkeit von Fachfirmen vor Ort sowie die Gefahr, dass Entwässerungsgräben bei zu starker Kolmation komplett ausfallen.
Praxisnah: Die Revitalisierung der Prim in Spaichingen
Ein Höhepunkt des Vormittags war die Vorstellung der Revitalisierungsmaßnahmen an der Prim durch Herrn Kaysers von der Planstatt Senner. Die Prim ist ein klassisches Salmonidengewässer, litt in der Vergangenheit jedoch unter einem sehr geradlinigen Verlauf, einer durch Kolmatierung stark befestigten Sohle und einem teilweise zu dichten, ungesteuerten Uferbewuchs, der den Fluss völlig aus dem Ortsbild verschwinden ließ.
Durch die neuen Maßnahmen wurde das Flussbett verbreitert und Uferstufen angelegt, um die Prim wieder erlebbar zu machen. Für die natürliche Uferbefestigung kamen Weidenstecklinge zum Einsatz, zudem wurde die Sohlschleppspannung optimiert. Um den Raum für Inselstrukturen und Mäander zu schaffen, wurde sogar ein Bolzplatz verlegt. Herr Kaysers betonte die hervorragende Zusammenarbeit und die wichtige Einbeziehung der Nachbarschaft (beispielsweise bei der Absprache von Baumhöhen). Das Fazit war durchweg positiv: Eine Renaturierung von Bächen und Flüssen lohnt sich auch – und gerade – innerorts massiv.
Exkursionen nach Spaichingen und Rottweil
Nach einer kurzen Begehung der Prim-Revitalisierung unter der Leitung von Herrn Honer (Stadt Spaichingen) und der anschließenden Mittagspflege im Gasthof Kreuz, verlagerte sich die Veranstaltung am Nachmittag in die Praxis.
In Fahrgemeinschaften ging es nach Rottweil auf das Gelände der anstehenden Landesgartenschau 2028. Hier besichtigten die Teilnehmer die großflächige Revitalisierung des Neckars. Frau Reichegger führte die Gruppe und demonstrierte anschaulich die am Morgen theoretisch besprochenen ingenieurbiologischen Bauweisen (wie den Einsatz von Geotextilsäcken, Holzgrünschwellen und Totholz) im direkten Praxiseinsatz.
Gegen 16:15 Uhr endete ein rundum gelungener und informationsreicher Nachbarschaftstag mit der Übergabe der Teilnahmebescheinigungen. Für den Landesfischereiverband zeigte die Veranstaltung deutlich: Nur wenn Wasserbau, Kommunen und Fischerei Hand in Hand arbeiten, können wir unsere Gewässer langfristig als Lebensadern erhalten.
Verfasser des Berichts:
Simon Wachter _ Referent für die Öffentlichkeitsarbeit beim LFVBW-Bezirk Südbaden
Mail: Simon.Wachter@lfvbw.de
Mobil: (+49) 1718005496
Weiter Bilder findet ihr hier.
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